Was ist Psychomotorik?
Sich bewegen und erspüren, staunen und erleben, ausprobieren, sich erproben, experimentieren und variieren, erfahren mit allen Sinnen, Zeit haben, sich auseinandersetzen zu können, gemeinsam erleben, entdecken und lachen, Lernen durch Bewegung, spielen(d) Leben lernen… .
„Psychomotorik ist ein Konzept der Persönlichkeitsentwicklung über Erleben, Erfahren und Kommunizieren mit und durch Bewegung, aber auch das Begreifen sozialer Verhaltensweisen wie Toleranz, Rücksicht und Kooperation sowie die angemessene Bewältigung von Konfliktsituationen und Misserfolgen“ (Göbel, Panten 1998).
Der Kinder- und Jugendpsychiater Dr. H. Hünnekens und der Diplom-Sportlehrer und spätere Professor für Sportwissenschaften Dr. E.J. Kiphard entwickelten in den 50ger und 60ger Jahren im Westfälischen Institut in Hamm die sogenannte Psychomotorische Übungsbehandlung als eine kindgerechte Therapiemethode bei unterschiedlichen Entwicklungs- und Verhaltensstörungen.
Der Begriff Psychomotorik wurde gewählt, um zu verdeutlichen, dass psychische und motorische Abläufe, - Erleben und Bewegen - untrennbar miteinander verbunden sind, eine Einheit bilden.
Die Idee der Psychomotorik ist längst nicht mehr nur auf den klinischen oder therapeutischen Rahmen beschränkt, sondern hat sich inzwischen auch als pädagogisches Förder- und Entwicklungsprinzip weiter entwickeln und verbreiten können. Dieses zeigt sich u.a. an der beständigen Zunahme von „Bewegungskindergärten“ und dem Modell der „Bewegten Schule“ nach dem Motto: Lernen braucht Bewegung.
Die Erkenntnis, dass Kinder sich über Spiel und Bewegung entwickeln, auf diese Weise lernen, ist nicht neu. Aber sie wird durch aktuelle neurowissenschaftliche Forschungsergebnisse neu erklärt und eindrucksvoll bestätigt.
„Die Entwicklung von Denkstrukturen und von Wahrnehmungsleistungen ist eng an die Motorik gebunden. Voraussetzung zu ihrer Ausbildung sind ausreichende Bewegungs- und Sinneserfahrungen“ (Zimmer 2005).
Bewegung führt u.a. zu einem verbesserten Stoffwechsel - auch in unserem Zentralnervensystem, - zu einem angemessenen Aufmerksamkeits- und Aktivitätsniveau, erleichtert und verbessert Lern- und Gedächtnisprozesse.
D.h.: Kinder erfahren und begreifen über aktives Bewegen und Handeln sich und ihre Umwelt leichter, effektiver und nachhaltiger. Sie erhalten unmittelbare Rückmeldung über Stärken und Schwächen, lernen damit umzugehen, erhalten Verstärkung und Anerkennung, lernen aber auch, Enttäuschungen und Frustrationen zu bewältigen
Somit wirkt sich eine vielseitige und erfolgreiche Entwicklungsbewältigung unmittelbar positiv aus auf Selbstbewusstsein und Selbstkonzept, Persönlichkeit und Bildungsvoraussetzungen.
Trotz dieser Erkenntnisse steigt die Zahl der Kinder und Jugendlichen, denen es immer schwerer zu fallen scheint,
sich selbstverständlich und freudvoll zu bewegen. In den Medien wird häufig über verschiedene Untersuchungen berichtet, die aufzeigen, dass aufgrund zunehmenden Bewegungsmangels, ungesunder Ernährungsgewohnheiten oder einem übermäßigen Fernseh-, Video- und Computerkonsum Bewegungsgeschicklichkeit und körperliche Fitness nachlassen, Koordinations- und Wahrnehmungsstörungen, aber auch Aggressionen ansteigen, die körperliche und seelische Gesundheit abnimmt, die Unfallgefahr zunimmt. Was Experten bereits seit langem erwarteten: die Pisa-Studien zeigen, dass davon auch das schulische Lernen unmittelbar betroffen ist.
Hier setzt das psychomotorische Angebot von MOVERE an: Indem die Kinder also in ihrem ursprünglichen Milieu abgeholt werden, der Entwicklung durch Spiel und Bewegung, wird das freudvolle positive Zusammenwirken von Psyche und Motorik zur Entwicklungsförderung und Bildung genutzt. Psychomotorische Angebote übernehmen so zunehmend auch die Rolle von „Entwicklungshelfern“ in unserer weitgehend kinder- und bewegungsfeindlichen Gesellschaft.
Zusammengefasst: Das entwicklungsunterstützende und persönlichkeitsfördernde Konzept der Psychomotorik ermöglicht es Kindern mit unterschiedlichen Auffälligkeiten und Schwierigkeiten,
Freude an der Bewegung (wieder) zu gewinnen,
eigenaktiv und initiativ zu werden,
Stärken zu erweitern,
mit Schwächen umzugehen,
Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl zu entwickeln,
mit anderen zu kooperieren, d.h. angemessenes Sozialverhalten zu entwickeln.
„Insofern schlägt Psychomotorik eine Brücke vom Ich zum Wir, zum sozialen Umfeld“ (Kiphard 2000).
Dem entsprechend ist der Schwerpunkt unserer Arbeit im „Netzwerk Psychomotorik“ als kompetentes Kleingruppenangebot konzipiert, das in Hamm und Umgebung derzeit von mehr als 900 Kindern genutzt wird.
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